Arbeitsgenießerin

Meine Arbeit ist für mich primäre Form des Selbstausdrucks - Themen aufgreifen, sie in mir reifen lassen, recherchieren, auseinander nehmen, neu zusammensetzen, Prinzipien in Konzepte und immer feinere Umsetzungsdetails übersetzen, Durststrecken überstehen, zwischenmenschliche Verbundenheit etablieren und damit Welten gestalten.

Die Frage, wie auch andere Menschen sich frei in ihren Leidenschaften und Talenten bei der Arbeit ausdrücken können, beschäftigt mich daher von Anbeginn meines Arbeitslebens an.

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Selbstorganisation

Ich freue mich über das große und stetig wachsende Engagement in der Gesellschaft, gute Organisationen für unsere Kinder zu bauen und wünsche mir, dass wir mit derselben Liebe und Kraft auch die Lebenswelten der Erwachsenen neu gestalten – denn noch ist der größte Teil des erwachsenen Lebens mit Arbeit gefüllt. Nicht nur entstehen in der Arbeitswelt viele Verletzungen, auch können wir eingezwängt in eine vordefinierte professionelle Rolle kaum proaktiv eine gute Zukunft gestalten. Was mich letztendlich motiviert ist nicht die Verbreitung von innovativen New Work Ansätzen, sondern die Gestaltung einer „Mensch-gerechten“ Arbeitswelt, sowohl in den Arbeitsbedingungen als in den Produkten und ihren Auswirkungen – und dazu benötigen wir uns als ganze Menschen in ehrlicher Verbundenheit miteinander.

 

„Man kann eine Krankheit nicht dadurch heilen, dass man das Fieberthermometer versteckt.“  Yves Montand

Mein erster Kontakt mit Selbstorganisation war Open Space Technology, eine Konferenzmethode, die wir bereits Ende der 90er in eine Arbeitsform übersetzt und ausprobiert haben. Die nächste große Inspiration war viele Jahre später Reinventing Organizations, das ganz vielen meiner Gedanken aus fast zwanzig Jahren eine anschlussfähige Sprache und eine internationale Bewegung geschenkt hat. Daher habe ich mit Frederic Laloux ein Forum aufgesetzt, in dem sich Menschen weltweit treffen und beraten können, die wie wir einfach mit der Umsetzung begonnen haben, ohne genau zu verstehen, was genau alles dazugehört. Das Konzept, das für mich dabei entstanden ist, nenne ich „Einfach Arbeiten“, was ich im doppelten Sinn verstehe: es schlicht halten und auf niemanden warten. Im Rahmen der Working Evolutions beschreiben wir unsere (auch anstrengenden) Erfahrungen in einer reinvented organization und führen ein New Work Lexikon für Euch.
Mich berührt das große Leiden in der Arbeitswelt tief.

Mit Krankheit arbeiten

Ein großer (beruflicher) Einschnitt in meinem Leben war, als ich 2007 nach einer Hirn-OP für nicht mehr arbeitsfähig erklärt wurde und die Rentenempfehlung abgelehnt habe – denn Arbeiten ist für mich einfach zu zentral für mein Glück. Ich habe viele Jahre gebraucht, um mich aus der Scham über meine Einschränkungen zu befreien und Arbeitsformen zu finden, die für mich funktionieren. Meine treuen Kolleg:innen haben mir immer wieder Räume zur Verfügung gestellt, in denen ich mich ausprobieren und mir meistens die Nase blutig schlagen konnte, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, wie ich einen Beitrag auf echter Augenhöhe leisten konnte.

Nach und nach und mit wachsendem Selbstvertrauen habe ich gelernt, dass meine Krankheit ein großer Schatz ist – für mich, aber auch für die Organisationen in und mit denen ich arbeite. Ich habe gelernt, dass die Stellen, an denen ich umfalle, dieselben sind, an denen auch andere ihre Kraft verlieren, nur dass sie dann irgendwie weiter durchhalten. Im Endeffekt hat die Krankheit mir eher mehr als weniger Arbeitsfähigkeit geschenkt, da ich sehr klare Prioritäten für mich und andere setzen muss und ein sehr feines Gespür für all die Dinge entwickeln konnte, die uns in der Arbeitswelt mehr schaden als voranbringen – ein nicht manipulierbarer Seismograf für ganzheitlich effektives Arbeiten sozusagen.

 

“Aufrichtigkeit ist, wenn man von sich selbst überrascht ist."  Nadine Gordimer

Gesunde Kranke

In den vielen Workshops, die ich zum Thema „Arbeiten mit Krankheit“ im Rahmen von LLauGH abgehalten habe, durfte ich eine große Vielzahl an Menschen kennenlernen, die ebenso wie ich auch Lösungen gefunden haben, mit chronischer Erkrankung zu arbeiten. Wir haben vieles gemeinsam, allem voran die große Scham am Anfang und die Liebe zum Arbeiten, doch die Lösungen, die wir für uns gefunden haben, sind maßgeschneidert und vielfältig: einige konnten – wie ich – nur in der Selbstständigkeit einen guten Weg finden, andere brauchen die Sicherheit von Organisationen; einige gehen offen mit ihrer Krankheit um, viele teilen sich jedoch im Arbeitskontext nicht mit, da sie dort mit zu vielen Tabus und Verkindlichung konfrontiert sind.

Aus den Gesprächen lerne ich viel über Lösungen, aber auch über systemische Absurditäten, die uns kollektiv das Leben schwerer machen als nötig. Was ich aber vor allem lerne, ist, dass Krankheit die fachliche Expertise nur selten beeinträchtigt, Krankheit in ein gesundes Leben integrierbar ist und dass weder Organisationen noch wir als Gesamtgesellschaft es uns leisten können, auf die Mitwirkung dieser tollen Menschen zu verzichten. Daher arbeite ich gemeinsam mit Juliane Wünsche auf der Plattform Gesunde Kranke die Geschichten der „gesunden Kranken“ auf, als Inspiration für alle, die mit Krankheit im Arbeitskontext – direkt oder indirekt - konfrontiert sind.

 

„Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten.“ Erich Fromm