MEIN (BERUFS-)LEBEN

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Ich bin zwischen Deutschland und Tunesien aufgewachsen und war sogar in zwei Schulen eingeschrieben, um das zu ermöglichen. In den letzten Schuljahren war ich in Tunesien in einem französischen Internat, und mein Plan war klar: Ich würde in Lausanne auf die Hotelfachschule gehen. Doch vorher brauchte ich eine vierte Sprache und ging so mit 17 für ein Jahr nach Bolivien, wo sich alles veränderte. Denn zum ersten Mal fragte niemand, was ich tun wollte, sondern wer ich war. Orientierungslos kam ich zurück und machte zunächst einen BA in International Relations & Diplomacy in Heidelberg und Florida. Immer noch unsicher zog ich nach Hawaii und erhielt meinen MA in Human Resource Management. Und als dann meine Vision wahr wurde und ich ein Stellenangebot einer großen Unternehmensberatung erhielt, sagte ich in letzter Minute ab – und zog ins Oderbruch.
Das erste Jahr habe ich hauptsächlich damit verbracht, Brennnesseln zu sensen und viele Menschen kennenzulernen. Dann gab ich Englisch-Kurse in Umschulungen, jeweils drei Monate lang, acht Stunden am Tag, intensiv. Mein Deal mit der ersten Gruppe: Ich unterrichtete sie sechs Stunden, sie mich zwei. Ich nenne das meine „Ossifizierung“, denn sie haben mich Trabi fahren lassen, mir Pioniertagebücher gegeben, Pittiplatsch vorgestellt – und ich kann immer noch jedes Lied aus Mimmelitt, das Stadtkaninchen auswendig. Sie haben mir Wurzeln geschenkt, und ich bin noch immer hier. Als ich Mutter wurde, lebte ich zu meiner eigenen Überraschung in einem Bauwagen-Häuschen und begann, Englisch und Mediation an der Uni zu unterrichten, da es sich besser mit dem Stillen verband. Und nach der Trennung nutzte ich die viele Energie, die plötzlich da war, um mit Ulla Gläßer die Mediationsstelle Frankfurt (Oder) aufzubauen.
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Das ist auch heute noch so: Würdet ihr mich fragen, was mein Ursprungsberuf ist, würde ich Mediatorin sagen – das Einzige, das mich in beiden Studiengängen erreicht hat und wofür ich mich als Kind zwischen Kulturen immer prädestiniert gefühlt habe. Im Nachhinein würde ich sagen, dass in der Mediationsstelle drei Lebensstränge eröffnet wurden: meine Leidenschaft für Selbstorganisation (wir waren eine Open-Space-Organisation), meine Leidenschaft für tiefgreifende Bildung (ich wollte exzellente Mediator:innen ins Gemeinwesen schicken, die wir selbst ausbildeten) und die Grundlage von Mediation selbst, die für mich aus der Verbindung von tiefem Zuhören und der Sicherheit von Lösungen besteht.
Doch ich schätze, ich bin mehr Brahma (Schöpferin) als Vishnu (Bewahrerin). Nach ein paar Jahren Organisationsaufbau zog ich weiter. Ich nahm mir ein Jahr Zeit, um mich intensiv mit Humorforschung und der Verbindung HAHA – AHA – AAH für Kreativität und Lernen zu befassen. Und dann übernahm ich mich massiv, indem ich über zwei Jahre allein einen Reformprozess mit mehreren hundert Menschen mediierte. So tippte ich auf Burnout zu und reagierte psychologisch, als die ersten Symptome von dem auftraten, was zu meiner ersten Hirn-OP führte.
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In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen und arbeitete am Aufbau eines Studiengangs in Public Policy mit. Ich brach zusammen, als noch vieles nur in meinem Kopf war, und so folgte nach der Operation eine lange Phase, in der ein junges Team an meinem Bett saß, um die nächsten Schritte mit mir zu planen. Lange dachte ich, ich würde wieder gesund werden. Ich räumte alles auf, so gut ich konnte, machte ein paar Jahre Psychoanalyse und lernte, lernte, lernte – aber gegen ein kaputtes Hirn kann selbst ich nicht anlernen. Doch zu dieser Zeit passierte etwas Besonderes: Die Online-Lehre begann, dann kam das Zeitalter der MOOCs. Obwohl ich keine Workshops mehr geben konnte, konnte ich wieder lehren. (Auf meinem Patreon findet ihr noch viele dieser Kurse.) Nach ein paar Jahren zog ich weiter, als innerhalb des inzwischen laufenden Studiengangs eine Initiative für mehr Potenzialentfaltung an Schulen entstand.
Mein nächster Deep Dive galt daher der Schule – ein Thema, das mir zu dieser Zeit besonders nah war, da Udos und meine Kinder inzwischen Schulkinder waren. Nach ein paar Jahren kam der nächste Übergang. Wir hatten den Schulen so viel zur Verfügung gestellt, damit sie sich selbst transformieren konnten. Könnte man dasselbe Prinzip nicht auch für Dörfer anwenden? Menschen beibringen, wie sie aufhören könnten, vergeblich auf Politik zu warten und es einfach selbst in die Hand zu nehmen?
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So hatte ich immer ein großes Projekt, an dem ich arbeitete, und parallel dazu kleinere Aufträge. Ich war so entschlossen zu arbeiten, obwohl die Reha mich als „nicht arbeitsfähig“ eingestuft hatte, dass ich alles probierte, was mir in die Hände fiel. Und immer wieder war die Lösung dieselbe: In der Selbstorganisation konnte ich selbst auswählen, was ich tat und was nicht, und mein Arbeiten flexibel an meine Gesundheit anpassen.
Inzwischen lebte ich in meinem großen, verblassten blauen Haus mit roten Fenstern am Feldrand – mit Hunden, Katzen, Hühnern und Bienen. So oft ich konnte, vermittelte ich ehrenamtlich in kleinen Formaten alles, was ich zum Thema Arbeiten mit chronischer Krankheit entdeckt hatte, und verdiente mein Geld damit, dass ich andere Organisationen aufbaute, leitete und begleitete sowie Online-Kurse und Studiengänge entwickelte. Es kommt mir immer noch so vor, als würde ich oft fürs Lernen bezahlt werden, wenn Aufträge zu mir kamen zu Themen, die es so noch nicht gab. Ich war und bin gerne die Frau, an die sich Menschen wenden, wenn sie eine vage Idee für etwas Neues haben, aber nicht wissen, wie sie es in die Welt bringen sollen.
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Und dann beschloss ich, ein Buch über meine Erfahrungen auf der Grenze zwischen Krankheit und New Work zu schreiben. Das war extrem aufregend, weil ich immer nur gehört hatte, dass ich nicht schreiben kann. Ich war ja auch nie auf einer deutschen Schule gewesen und fand vieles Schriftliche noch immer rätselhaft. Aber ich konnte erzählen, also schrieb ich einfach genauso, wie ich rede. Alle zwei Monate nistete ich mich für eine Woche irgendwo auf dem Land ein und schrieb ohne Pause – und stellte zu meiner Überraschung fest, dass ich gar nicht so viel tun musste, nur mitlesen, was auf meinem Bildschirm von allein entstand. Trotzdem brauchte ich fast fünf Jahre, bis dieses erste Buch fertig war. Ich fand die letzten Schritte mit Lektorat und Formatierung so anstrengend, dass ich nie wieder schreiben wollte. Stattdessen baute ich eine weitere Organisation auf, dieses Mal spezialisiert auf New Work mit Fokus auf den ländlichen Raum.
Dann brach ich nach der zweiten Corona-Impfung in einem Seminarhaus einfach zusammen und blutete aus allen Öffnungen. Wie sich herausstellte, war die Impfung nur der Auslöser gewesen – ich hatte einen neuen Hirntumor. Ich war so schwach, dass ich mich komplett aus dem Kontakt zurückziehen musste. Zu meiner Überraschung wollten die meisten meiner Auftraggeber:innen weiterhin mit mir arbeiten, auch wenn das bedeutete, dass alle Kommunikation ausschließlich über E-Mail und Messenger lief.
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Ich nutzte die Zeit der großen Einsamkeit vorrangig dazu, Pflegehunde aufzunehmen und mich mit Bewusstseinsforschung zu befassen. Ich liebte es, dass sich die Welt so weit verändert hatte, dass wir auch im Arbeitskontext über Spiritualität sprechen konnten. Und auch wenn ich es manchmal anstrengend fand, dass mir „frisch erwachte“ Menschen dauernd die Basics erklären wollten, liebte ich es, dass das, was mich seit meiner Kindheit begleitete und einen großen Teil meiner Expertise in Zuhören und Kreativität ausmachte, plötzlich besprechbar war. So kam es, dass ich, während ich mich durch die Literatur der Bewusstseinsforschung wühlte und mir selbst beibrachte, bei einstündigen Meditationen mitzusprechen, um Daten für eine innere Kartografie zu sammeln, meine Aufträge sich anpassten: Ich begleitete einen jungen Mann dabei, ein Institut für Bewusstseinsbildung aufzubauen, und schrieb Satzung und Konzept für eine Bewusstseinsstiftung. Und ich schrieb ein Buch nach dem anderen – einfach so, ohne darüber nachzudenken. Mein Drang, meine Expertise zugänglich zu machen, wenn ich selbst nicht mehr in die Welt konnte, war so viel stärker als mein Widerstand.
In dieser Zeit der Schwäche eröffnete sich das Sterben meiner Mutter. Ich mobilisierte jeden kleinen Rest Kraft, um ihr das zu schenken, was sie wollte: absolute Selbstbestimmung bis zuletzt, trotz Demenz. Ich kann es nicht anders benennen, als dass es mir eine Ehre ist, die Tochter einer Frau zu sein, die mit so viel Lebensfreude und Unabhängigkeitsdrang in den Tod gegangen ist. So stark war dieses Gefühl, dass ich trotz großer Schwäche das Jahr der Trauer damit verbrachte, mit allen Menschen vor der Kamera zu sprechen, die an ihrem Leben und Sterben mit Demenz beteiligt waren. Der Tod ist zur Freundin geworden. Und doch war ich selten so überfordert von Komplexität wie bei der Aufgabe, aus fast 30 Stunden Material einen Film zusammenzustellen.
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Trotz intensiver innerer Arbeit und zwei Jahren Trauma-Therapie kam ich um die zweite Hirn-OP nicht herum, wenn ich mein Augenlicht und einen Rest Hormonfunktion behalten wollte. Es war auf eine Art eine magische Erfahrung. Während der Operation saßen Freund:innen und Kolleg:innen zusammen und meditierten für mich. Mein Mann und ich waren exzellent vorbereitet, dieses Mal ohne die Illusion, dass ich nach ein paar Wochen wieder die Alte sein würde – was auch immer das in meinem Leben bedeutete. Doch dass ich nun erfahren würde, wie es war, pflegebedürftig zu sein, damit hatte ich nicht gerechnet. Ein neues Thema, mit dem ich sicher etwas machen werde, auch wenn ich noch nicht weiß, was.
Doch was diese Phase für mich wirklich brachte, war das Malen. Ich denke manchmal, es ist vielleicht von meiner Mutter auf mich übergegangen. Auf jeden Fall begann ich direkt, täglich ein paar Pinselstriche auf eine Leinwand zu legen – und habe nie wieder damit aufgehört. Zu meiner Überraschung gab es sogar reizende Ausstellungen auf dem Dorf.
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Ähnlich wie nach der ersten Operation bin ich nun wieder in einer Phase, in der ich mich neu erfinden werde, da ich noch weniger kann als vorher. Bisher habe ich nur eines verstanden: Klassische Aufträge kann ich nicht mehr abarbeiten. Aber ich höre nicht auf zu kreieren, zu malen, zu schreiben und Bildungsmaterial zu ersinnen. Daher ist im Moment meine einzige Idee, dass ich das kreiere, was in mir entsteht, und hoffe, dass es für jemanden hilfreich ist. Und so habe ich die letzten Wochen damit verbracht, zu lernen, wie man einen Online-Shop gestaltet, und meine Webseite vollständig neu aufgebaut. Und hier sind wir nun, und ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Denn weiter geht es ja immer.
März 2026
